Peter Krautzberger on the web

Gedankenfetzen nach einer Diskussion zum Lehramtsstudium

I had originally planned to open this blog with a scientific post — but what can you do. Since this post is about universities in Germany this’ll be in German.

Ein paar Gedankenfetzen nach einer Diskussionsveranstaltung zum Lehramtsstudium Mathematik an der FU Berlin. Die einladende Email:

Liebe Studierende mit dem Ziel “Schule”,
haben Sie manchmal das Gefühl, dass zu viel in Ihren Studiengang gepackt ist, dass Sie nicht unbedingt die richtigen Sachen für Ihren späteren Beruf lernen, dass Sie sich das Studium überhaupt irgendwie anders gedacht haben?
Wirklich ist auch unter Hochschullehrern die Meinung verbreitet, dass in der Lehrerausbildung manches verbesserungsbedürftig ist. Um einen Meinungsaustausch in Gang zu bringen und – vielleicht – Änderungen zum Positiven zu erreichen, soll es
am 14. 12. 2009 (Montag)
ab 16.15 Uhr
im großen Hörsaal der Informatik
eine Diskussionsveranstaltung
“Mathematikausbildung für angehende Lehrerinnen und Lehrer” geben.
Als Fachleute werden dabei sein: Dr. Deiser, Prof. Lutz-Westphal, Prof. Schulz.
Alle Fachbereichsangehörigen sind herzlich eingeladen.
Mit freundlichen Grüßen E. Behrends

Anwesend waren, na vielleicht 40 Studenten und eine handvoll Dozenten. Vermutlich litt die Veranstaltung also daran, dass nur die Studenten mit den größten Problemen sowie die Dozenten, die zufällig gerade Anfängervorlesungen halten, anwesend waren, aber genauer erschloss es sich nicht. Aber zu meinen Eindrücken.

Die anwesenden Dozenten/Professoren konnten bei den Studenten mit Einzelinitiativen punkten; seien es ergänzende Verstanstaltungen, um Lehramststudenten zusätzlich zu helfen, seien es didaktische Experimente. Trotzdem klang das nach dem sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein. Gerade die Unterschiede zum Engagement viele anderer Dozenten und die Willkür der vermeintlichen Freiheit der Forschung führen in der Lehre wohl eher dazu, dass solche engagierten Dozenten viel zu viel Kraft verschwenden, dieselben Widerstände jedesmal aufs Neue zu überwinden.

Dabei stieß eine Bemerkung des gastgebenden Prof. Behrends kaum auf Reaktionen. Auf die scheinbar erfolgreichen Versuch seiner Kollegin Lutz-Westphal, mehr didaktische Inhalte für Lehramtsstudenten in die Veranstaltungen einzubringen, reagierte er mit der Feststellung, dass dies ja fachlich für andere Dozenten nicht machbar wäre. Warum eigentlich? Ist es zuviel verlangt, dass sich Dozenten eine hohschuldidaktische Bildung aneignen? Es scheint jedenfalls so; Professionalisierung ist ein Fremdwort an deutschen Hochschulen. Sogar eine Vereinbarung unter den Dozenten, “best practices” o.ä. auszutauschen und gar durch persönliche Absprache innerhalb des Fachbereichs (Kollaboration!) verpflichtend zu machen, scheint undenkbar — vor allem wohl, weil ein solches Engagement in der deutschen Wissenschaftslandschaft in keiner Weise honoriert wird; nur die Publikationsliste bringt Geld ein, sonst nichts.

Zur Diskussion um die Vorlesungsgestaltung stellte sich mir nachträglich eine grundlegende Frage. Es wurde breit diskutiert, ob und wie die “normalen” Veranstaltungen für überlastete Lehramtsstudenten ergänzt werden können, durch z.B. didaktische Übungsaufgaben oder einfach leichtere Prüfungsbedingungen. Dabei stellt sich doch eigentlich die umgekehrte Frage: Warum richtet man das Niveau der Veranstaltungen nicht an den Lehramtsstudenten aus und bietet Ergänzungen für Mono-bachelor an? Dies könnten zusätzliche Veranstaltungen mit zusätzlichem Stoff sein, dies könnte Projektarbeit bedeuten, oder es könnten mehr und schwerere Aufgaben in extra Schwerpunktvorlesungen sein. Ich vermute, dass die meisten deutschen Hochschuldozenten viel eher dafür zu begeistern wären, schwereren Stoff gesondert zu vermitteln als leichteren (oder gar “Nachhilfe” zu geben).

Der Großteil der Diskussionsbeiträge durch Studenten (die viel sagten und sogar widersprachen) wirkte jedoch gefangen im Netz der schlechten Umsetzung des Bolognaprozesses. Verzweifelt wehren sie sich, versuchen, hier und da kleine Verbesserungen vorzuschlagen, drehen sich um sich selbst, ohne zu bemerken, dass es kein Herauswinden gibt. Die Probleme bilden eher den Gordischen Knoten, der durchschlagen werden muss. In fast jedem Beitrag zur Sinnhaftigkeit des Studienstoffs wurde klar, was eigentlich jeder weiß: das eigentliche Ziel der Bachelor- und Masterumstellung wurde regelrecht boykottiert — die Einrichtung eines originär neuen Studiengang der den rein äußeren Bedingungen des Bolognaprozess mit inhaltlicher Erneuerung begegnet, der etwas neues, etwas qualitativ anderes, aber vielleicht sogar besseres schafft.

Im Grunde bestand die Einführung des Bachelor/Master darin, dass man Vordiplom und Zwischenprüfung einfach neu deklariert hat (plus Bachelorarbeit und ein Seminarlein). Es scheint, als wollte sich bei der Einführung niemand darüber Gedanken machen, dass ein 6-semestriger Studiengang inhaltlich grundlegend anders strukturiert sein muss als ein Vordiplom. Es braucht andere Vorlesungsformen, andere Seminarformen, andere Medien und andere Curricula — es braucht neue Ideen. Stattdessen haben wir ein umdeklariertes Vordiplom. Aber das Vordiplom war zu unstrukturiert, um den organisatorischen Ansprüchen des Bolognaprozesses zu entsprechen. Wiederum liegt ein wesentlicher Grund der mangelhaften Umsetzung sicherlich darin, dass solch eine Arbeit keinen Wert für die Dozenten bzw. die Professoren hat, das sie nicht vergolten wird. Zudem wurde durch Professor Schulz darauf hingewiesen, dass gerade beim Lehramt in den zuständigen Kommissionen Lehrer saßen und damit für das Lehramtsstudium wohl auch eine Schuld an dem heutigen Elend haben. Die Entwicklung neuer Vorlesungen wäre vielleicht ein mittelfristiges Ziel, dass durch einige wenige, bemühte Dozenten erarbeitet werden könnte, aber wie gesagt, es zählt nichts — wer sollte sich da auch engagieren.

Ein gänzlich verkorkster Diskussionspunkt lag in der Frage nach “Anwendungen”, insbesondere in der Schule. Wie passend, dass kein angewandter Mathematikdozent anwesend war. Von Seiten der Studenten schien es vor allem ein verzweifelter Ruf nach motivierenderen Vorlesungen zu sein. Jedoch trifft es für mich ein tieferes Problem: Der Lehrplan an deutschen Gymnasien ist langweilig und veraltet. Er besteht eigentlich nur aus Rechnen, das auch noch höchst langweilig gelehrt wird. Es ist wie Sportunterricht, bei dem man die ganze Zeit Zirkeltraining macht, aber behauptet, man würde Fussballspielen. Kurz gesagt, alles nach der Bruchrechnung ist eigentlich irrelevant, vor allem auf die Art und Weise, wie es gelehrt wird — und irrelevant heißt hier sowohl für die Bildung der Schüler ganz allgemein als auch als wissenschaftlicher Inhalt. Damit stellt sich aber die Frage, wie man einem Lehramtsstudenten erklären soll, warum er sich mit (Hochschul)Mathematik auseinandersetzen soll. Und ehrlich gesagt, kann ich keinen Grund finden, solange die Lehrpläne an den Schulen nicht modernisiert werden.

Das Problem, dass aber bei all dem Zappeln im Bolognanetz am stärksten auffiel ist die Unsinnigkeit der deutschen Lehrerausbildung. Hochspezialisiert, fast ohne Wechselmöglichkeiten, viel zu lange, ohne Praxiserfahrungen und auch personell weder von den Fachbereichen noch den Studierenden zu meistern. Warum braucht es überhaupt auf universitärer Seite ein spezialisiertes Studium? Warum braucht es einen Master? Warum so komplizierte, inkompatible Studienpläne? So unmöglich es ist, dies praktisch zu fordern: das Lehramtsstudium gehört eigentlich abgeschafft. An dessen Stelle könnte auf der wissenschaftlichen Seite ein BSc oder BA treten und auf pädagogischer Seite eine professionelle Facharbeiterausbildung an den Schulen, die auf einem Bachelor aufbaut. Wäre das so fachlich so unsinnig?

Und dann war da noch Peter Monnerjahn, einsamer Rufer im Walde, der als Einziger wiederholt feststellte, dass es in der gesamten Lehre grundlegende Probleme gibt. Einerseits stieß er sogar bei den Studenten auf großes Unverständnis (was vielleicht zeigt, dass man von Studenten, die drei Jahre an der Uni verbringen, kaum erwarten kann, eine korrekte Analyse der Situation vorzunehmen), andererseits wurden seine Anmerkungen in den Abschlussworten auch noch elegant-arrogant als schlicht “nicht originell” weggewischt. Das war dann der traurige Höhepunkt, an dem ich die Veranstaltung verlassen musste.

Mein persönliches Fazit ist dreigeteilt. Auf der untersten Ebene stehen Lösungen der konkreten Probleme der besorgten Studenten. Auch wenn ich oben vom Zappeln im Netz sprach, so wenig hilft es, deswegen gar nichts zu tun. Die gerne (auch von Studenten) gestellte Frage, ob Lehramtsstudenten “dümmer” sind oder nicht, ist völlig irrelevant. Alle Dozenten haben die Verantwortung, ihre Studenten so zu unterrichten, wie es am besten für die Student ist (lesenswert: Zeilberger). Dazu gehört aber auch die ehrliche Wahrheit, dass Regeln nie für Härtefälle gemacht werden dürfen (Härtefälle, wie alleinerziehende Eltern oder sich ihr Studium selbst finanzierende Studenten) — keine Regel kann sich daran orientieren, aber Ausnahmen müssen dem trotzdem Sorge tragen.

Auf der mittleren Ebene sehe ich die mittelfristigen Möglichkeiten. Solange die schwerwiegenden Defizite — Mängel in der Verwaltung, Kürzungen von studentischen Tutoren, Vernachlässigung der und Mangel an Räumlichkeiten und auch der Mangel an (gut ausgebildeten, langfristig angestellten) Dozenten, vor allem im Mittelbau — solange diese Defizite bestehen, wird es fast unmöglich, Veränderungen in der Lehre grundsätzlich anzugehen. Dies kann solange also nur durch Zusammenarbeit unter den Dozenten gelingen. Dabei haben die Professoren die größte Verantwortung und Verpflichtung, gerade weil Kooperation selten ist unter Professoren, die oft an mittelalterliche Kleinstfürsten erinnern. Anstatt Entscheidungen zu blockieren, müssen Sie dafür sorgen, dass die Erkenntnisse der engagierten Kollegen nicht sinnlose Einzelaktionen bleiben, sondern als “best practice” Kodex zumindest innerhalb der Universitäten Geltung erlangen.

Auf der obersten Ebene sehe ich, dass weiterhin eine langfristige Vision fehlt, wie sich die Lehre und damit die Universität als Institution entwickeln soll. So wenig eine solche Vision praktisch orientiert sein kann, kann ich niemandem trauen, dem eine solche Vision fehlt — nur mit einer klaren Vision lassen sich gut strukturierte Vorschläge für Veränderungen machen, die mit Weitsicht sinnvolle Kompromisse ermöglichen.I had originally planned to open this blog with a scientific post — but what can you do. Since this post is about universities in Germany this’ll be in German.